Fragen und Antworten
Häufige Fragen zu Autoaggressionen
Wie werden Autoaggressionen diagnostiziert?
Es gibt keine offiziellen Diagnosekriterien, die eine genaue Definition von Autoaggressionen festlegen. Der Psychologe und Psychotherapeut Steven Levenkron, mit dem Forschungsschwerpunkt der Selbstverletzung, legt folgende Diagnosekriterien vor:
- Wiederholtes Zufügen von Verletzungen der Haut
- Anspannungsgefühl unmittelbar vor dem Zufügen der Verletzung/en
- Nach zugefügter Verletzung geht mit dem Schmerz ein Gefühl von Betäubung, Befriedigung oder Entspannung einher
- Narben, Blut oder andere Anzeichen der Selbstverletzung werden versucht zu verbergen, um Scham, Angst und sozialer Ächtung zu entkommen
Warum verletzten sich Menschen selbst?
Autoaggressionen können Hintergründe unterschiedlicher Art haben. Diese sind im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung zu erarbeiten. Häufig erfüllt autoaggressives Verhalten jedoch ähnliche Funktionen. Denn obwohl eine Verletzung normalerweise mit Schmerzen einhergeht, sind diese für Betroffene nicht immer wahrnehmbar. Ihr selbstverletzendes Verhalten hat für sie kurz- und mittelfristige, angenehme Konsequenzen, weshalb ihr autoaggressives Verhalten aufrechterhalten wird.
Wie erkennt man Autoaggressionen?
Menschen, die sich selbst verletzen, versuchen häufig die Anzeichen von Autoaggressionen an ihrem Körper zu verstecken. Beispielsweise wird ein Besuch von Schwimmbädern oder Stränden vermieden. Außerdem vermeiden Betroffene in der Regel, sich vor anderen Menschen umzuziehen. Jugendliche, die sich selbst verletzen, neigen zudem dazu, sich für längere Zeit ins Badezimmer einzuschließen, besitzen unübliche Gegenstände wie Scherben und horten Desinfektionsmittel oder Verbandsmaterialien. Sie tragen Verbände unklarer Genese.
Wenn zum Beispiel bei einer ärztlichen Untersuchung auffällige Wunden und andere körperliche Auffälligkeiten entdeckt werden, handelt es sich meist um selbst zugefügte Verletzungen, wenn
- Verletzungen überwiegend an leicht zugänglichen Stellen vorliegen
- Wunden schlecht heilen
- Unterschiedliche Abheilungsgrade vorliegen
- Nicht dominanter Arm die meisten Narben aufweist
- Bereiche wie Bauch, Brust, Beine, Arme, Genitalien, Gesicht verletzt sind
Bei welchen Krankheiten tritt autoaggressives Verhalten auf?
Autoaggressionen treten als ein Symptom, im Rahmen von verschiedenen Krankheiten, auf.
Zur Selbstverletzung kommt es häufig bei dem Störungsbild einer Depression, Essstörung, Zwangsstörung oder Borderline-Persönlichkeitsstörung. In Folge einer frühkindlichen Deprivation oder nach einer Traumatisierung treten ebenfalls häufig autoaggressive Verhaltensweisen auf. Am häufigsten sind bei Personen mit geistigen Behinderungen (z.B. Autismus), seltener bei Personen mit körperlicher Behinderung (z.B. Blindheit), autoaggressive Verhaltensweisen zu beobachten. In der pubertären Entwicklungsphase von Kindern und Jugendlichen kommt es ebenfalls häufig zu einmaligen oder mehrmaligen Selbstverletzungen.
Muss selbstverletzendes Verhalten behandelt werden?
Das Aufsuchen eines Arztes, Psychiaters, Psychologen oder Psychotherapeuten ist sinnvoll. Manchen Menschen gelingt es selbstständig, die autoaggressiven Verhaltensweisen abzulegen und alternative Strategien zu entwickeln, um mit Spannungszuständen umzugehen. Für viele entwickelt sich aber auch eine Sucht nach selbstverletzendem Verhalten, dadurch kann es zu immer häufigeren und gefährlicheren Selbstverletzungen kommen. Außerdem sind die meisten Betroffenen auch unabhängig von ihren Selbstverletzungen hilfebedürftig und profitieren in vielerlei Hinsicht von einer ärztlichen und therapeutischen Behandlung. Autoaggressionen sollten in jedem Fall ernstgenommen werden.
Besonders Jugendliche neigen zu selbstverletzendem Verhalten: Ein Viertel aller Jugendlichen haben sich mindestens einmal selbst verletzt. Die am stärksten betroffene Altersgruppe sind Kinder und Jugendliche zwischen 10-16 Jahren, bei 13-14-Jährigen ist das Risiko der Selbstverletzung am höchsten.
Im Geschlechtervergleich neigen Mädchen und Frauen fünfmal häufiger zu autoaggressivem Verhalten als Jungen und Männer.
Gibt es verschiedene Formen von autoaggressivem Verhalten?
Es gibt verschiedene Formen von autoaggressivem Verhalten, die sich anhand von Schweregrad und Offensichtlichkeit des selbstzugefügten Schadens einteilen lassen.
Unterscheidung in Schweregrade:
Leichte Autoaggressionen
sind Verhaltensweisen, die zu einem eigenen körperlichen Schaden führen und eine geringe Intensität haben. Es kommt zu Handlungen wie dem Schlagen mit der flachen Hand ins Gesicht, bei denen keine sichtbaren Verletzungen entstehen. Häufig haben die leichten Autoaggressionen einen erkennbaren Bezug zu einer bestimmten Situation.
Mittlere Autoaggressionen
führen zu erkennbaren Verletzungen wie beispielsweise zu Narben nach einem Hautschnitt. Dieses Verhalten kann automatisiert stattfinden und ist in der Auftretenshäufigkeit und Intensität stärker als leichte Autoaggressionen.
Schwere Autoaggressionen
sind Verhaltensweisen mit massiven Konsequenzen und können zu lebensbedrohlichen Verletzungen führen, wie beispielsweise das Abbeißen eines Fingers. Bei schweren Autoaggressionen besteht keine Selbstkontrolle mehr, das Verhalten läuft automatisiert ab. Es ist kein Grund ersichtlich.
Unterscheidung in Sichtbarkeit:
-
Offene Selbstverletzung
Hierunter fallen Fälle der Autoaggression, bei denen die Betroffenen sich sichtbar vor anderen Personen selbstverletzen, sowie jene, die über ihre Verletzungen in Gesprächen mit Ärzten/Psychologen/Erstversorgern offen reden. -
Heimliche Selbstverletzung
Darunter fallen selbstverletzende Verhaltensweisen, die die Personen auch bei konkreten Nachfragen verleugnen oder verschweigen.
Behandlung und Therapie von Autoaggressionen
In der psychologischen Diagnostik werden Autoaggressionen nicht als eigenständiges Krankheitsbild aufgeführt, sondern gelten als ein Symptom. Bei einer Therapie wird dementsprechend in erster Linie die zugrundeliegende Erkrankung eruiert und behandelt. Als Therapieformen sind Einzel- und Gruppentherapien möglich. Auch Selbsthilfegruppen sind verfügbar.
Eine frühzeitige psychotherapeutische Behandlung bei Autoaggressionen ist empfehlenswert. Mittels einer Psychotherapie kann das Problemverhalten der Betroffenen in dem spezifischen Kontext eruiert und nachvollzogen werden. Die Therapie bietet Gelegenheit die belastenden Konflikte zu bearbeiten und alternative, gesunde Verhaltensweisen für Spannungssituationen zu erlernen. Dafür sind zahlreiche Therapiemöglichkeiten und Ansätze vorhanden. Diese sind in einer ambulanten, teil- oder vollstationären psychotherapeutischen Behandlung anwendbar.
Therapieansätze bei autoaggressivem Verhalten
- Psychoanalytisch
- Psychodynamisch
- Tiefenpsychologisch
- Verhaltenstherapeutisch
- Dialektisch-behavioral (DBT und DBT-A)
- Psychopharmakologisch (Antidepressiva und niedrig-potente Neuroleptika)
- Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR)
Die Oberberg Kliniken bieten evidenzbasierte, moderne und individuelle Therapien für Betroffene verschiedenen Alters an. Oftmals gibt es auch die Möglichkeit psychologischer Beratung für Angehörige. Wir bieten eine vertrauensvolle Wohlfühlatmosphäre mit hohen Standards. Mittels Entspannungsverfahren, Musiktherapie und vielen weiteren Begleittherapien zur eigentlichen Psychotherapie, können Autoaggressionen in den Oberberg Kliniken behandelt werden.
Bei einer stationären Therapie sammeln Patienten zusätzlich zu der Basistherapie viele wertvolle Erfahrungen. Durch das Erleben neuer Kontakte, Wertschätzung, entgegengebrachtem Respekt und dem Gefühl von Angenommensein kann eine tiefgehende Heilung stattfinden. Wir behandeln jeden Patienten mit individuell angepassten Konzepten auf Basis aktueller evidenzbasierter Therapiemethoden.
Ziele der Psychotherapie von Autoaggressionen
Insgesamt liegt der therapeutische Schwerpunkt auf der Behandlung der ursächlichen Problematik, die dem Verhalten vorausgeht, sowie dem Erlernen neuer und konstruktiver Verhaltensweisen. Ein weiteres Therapieziel besteht darin, Folgerisiken, wie soziale Deprivation oder erhöhte Mortalität, zu senken.
Zwischenziele der Therapie:
- Setzen von nicht-schädigenden Alternativreizen bei Anspannungen
- Psychoedukation der Patienten und Angehörigen
- Spannungsabbau erlernen, z.B. durch Sport
- Gespräche zur Bearbeitung von Konflikten
- Stresstoleranz steigern
- Emotionsregulationsfertigkeiten aufbauen
- Wohlbefinden steigern
- Reflektion des Verhaltens, z.B. mittels schriftlicher Verhaltensanalysen
Quellen
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