Fragen und Antworten
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Was ist der Funktioneller Schwindel?
Ein grundlegendes Wissen um die Symptome bei organisch bedingten Schwindelbeschwerden ist wichtig, um die verschiedenen funktionellen (somatoformen) Schwindelleiden zu verstehen. Mit diesem Oberbegriff werden verschiedene Schwindelbeschwerden zusammengefasst, bei denen sich keine körperlichen Ursachen für das Krankheitsbild ergeben haben. Es liegen weder organische Erkrankungen vor noch finden sich Schädigungen im Gleichgewichtssystem, welche für die Beschwerden als ursächlich anzusehen sind. Allerdings treten die Schwindelsymptome in Zusammenhang mit einer psychischen Problematik oder Erkrankung auf oder haben sich nach einer organisch bedingten Schwindelerkrankung entwickelt. Genau die psychiatrischen oder psychologischen Schwindelursachen werden nicht oder häufig zu spät in die Diagnostik einbezogen.
Rund 50 % der Patienten, die sich mit komplexen Schwindelerscheinungen vorstellen, haben eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Da die Symptome organisch nicht (bzw. nicht mehr) erklärt werden können, fehlt häufig das diagnostische Bewusstsein für funktionelle Schwindelformen. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit 25.000 Betroffenen aus 14 verschiedenen Ländern zeigte, dass Schwindelpatienten sich nicht mit ihren psychischen Symptomen und Beschwerden bei einem Arzt vorstellten, sondern ihre Problematik auf körperliche Beschwerden zurückführen. Möglicherweise werden diese Symptome als besonders belastend empfunden, allzu Privates soll nicht mit dem Arzt geteilt werden oder die Betroffenen gehen davon aus, dass ein Mediziner primär an körperlichen Beschwerden interessiert sei. In vielen Fällen haben Patienten eine Reihe von Fehldiagnosen erhalten und fixieren sich daher in erster Linie auf die körperlichen Symptome.
Wenn der funktionelle Schwindel nicht diagnostiziert wird, hat das für die Betroffenen dramatische Folgen. Rund 80 % der Patienten mit funktionellen, psychosomatischen Schwindelbeschwerden sind im Alltag stark eingeschränkt, viele sind sogar arbeitsunfähig.
Wie fühlen sich Schwindelanfälle an?
Wenn Ihnen schwindelig ist, kann sich das anfühlen, als ob sich alles um Sie herum dreht, Sie sich in einem Fahrstuhl befinden oder der Boden unter Ihren Füßen schwankt. Möglich ist ebenfalls ein Gefühl von Benommenheit. Schwindel tritt v.a. in folgenden Formen auf:
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Drehschwindel: Es dreht sich alles wie ein Karussell, das Gefühl ist dem Schwindel nach übermäßigem Alkoholkonsum vergleichbar. Übelkeit, Erbrechen und Ohrgeräusche begleiten häufig den Schwindelanfall
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Schwankschwindel: Betroffene zeigen einen unsicheren Gang, wie auf einem schwankenden Schiff bei Seegang, und haben das Gefühl, man habe Ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen. Begleitende Symptome sind bei Schwankschwindel selten
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Benommenheits-Schwindel: Es wird schwarz vor Augen, die Betroffenen fühlen sich schwummrig und etwas benommen
Wie häufig tritt Schwindel auf?
Statistisch gesehen entwickelt jeder vierte Mensch im Laufe seines Lebens mindestens einmal krankhaften Schwindel. Rund 25 % der Patienten, die in der Neurologie im Krankenhaus oder bei niedergelassenen Ärzten behandelt werden, klagen über Schwindelgefühle. Schwindelbeschwerden zeigen sich ganz unterschiedlich. Schwindelanfälle können aus heiterem Himmel auftreten und unterschiedlich lange andauern - von ein paar Sekunden bis hin zu Stunden ist alles möglich. Bei bestimmten Bewegungen, körperlichen Belastungen oder in Stresssituationen kann Schwindel ebenfalls ausgelöst oder verstärkt werden. In den meisten Fällen stellt sich der Schwindel von selbst wieder ein, doch manche Menschen leiden tage- und monatelang unter den Beschwerden. Mediziner sprechen dann von einem Dauerschwindel.
Hört das Drehen und Wanken gar nicht mehr auf, ist der Schwindel chronisch geworden. Da Patienten ihre Schwindelgefühle sehr unterschiedlich beschreiben, muss der Krankheitsverlauf sorgfältig erhoben werden - wichtig in diesem Zusammenhang sind auch Befunde aus der Neurologie und Untersuchungen der Augen und Ohren. Doch nicht immer lassen sich körperliche Ursachen feststellen, denn rund 30% aller Schwindelursachen haben ihre Wurzeln in psychischen Beschwerden, wobei akute oder chronische organische Erkrankungen, die Schwindel verursachen, vorausgehen können.
Mir ist schwindelig - wann muss ich zum Arzt?
Jedem ist einmal schwindelig und in der Regel sind die Beschwerden schnell vergessen. Doch wenn die Schwindelanfälle immer wieder kommen oder Sie den Verdacht haben, dass eine körperliche oder psychische Erkrankung die Ursache für die Beschwerden sein könnte, ist der Gang zum Arzt erforderlich:
- Ihnen wird immer wieder plötzlich schwindelig, aber es lässt sich kein Anlass für diese Beschwerden ausfindig machen
- bestimmte Kopfbewegungen lösen das Schwindelgefühl aus
- die Schwindelanfälle werden von Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Benommenheit, Sehstörungen, Atemnot oder Ohrensausen begleitet
- es wird Ihnen immer an bestimmten Orten oder in gewissen Situationen schwindelig - zum Beispiel in Menschenmengen, auf Treppen oder Brücken
Bei akutem heftigen Schwindel mit Begleitsymptomen, v.a. auch „zentralen“ Symptomen wie Lähmungserscheinungen, ist eine sofortige Abklärung nötig. Wenn Ihnen ständig schwindelig ist, muss die Ursache ärztlich abgeklärt werden. Wenden Sie sich zunächst an Ihren Hausarzt, der Sie an entsprechende Fachärzte überweisen wird.
Durch eine ausführliche Untersuchung kann Ihr behandelnder Arzt zuverlässig abklären, ob Ihre Schwindelanfälle organische Ursachen haben und eine entsprechende Therapie empfehlen. Stecken jedoch keine körperlichen Erkrankungen dahinter und Ihnen ist häufig oder gar chronisch schwindelig, muss auch an einen psychischen Hintergrund gedacht werden. Denn der sogenannte funktionelle Schwindel ist häufig Symptom einer Angst- und Panikstörung oder einer Depression. Wenden Sie sich dazu an einen Spezialisten für somatoforme Schwindelformen.
Wie wird der Funktionelle Schwindel diagnostiziert?
Wenn Ihnen ständig schwindelig ist, sollte zunächst der Gang zum Hausarzt erfolgen, der Sie an spezialisierte Kollegen überweisen wird. Um die Schwindelbeschwerden abzuklären, erfolgt eine Untersuchung beim HNO-Arzt, beim Internisten oder beim Neurologen. Diese beinhalten Überprüfungen des Gleichgewichtsorgans, der Augenbewegungen, Bewegungsapparat, Nerven- und Hirnfunktionen und des Herz-Kreislauf-Systems. Ist Ihnen schwindelig, obwohl keinerlei körperliche Ursachen vorliegen oder besteht der Verdacht, dass sich aus einer organischen Schwindelerkrankung eine funktionelle Schwindelform manifestiert hat, ist es wichtig, Neurologen und Psychosomatiker oder Psychiater hinzuzuziehen, um eventuell vorliegende Angsterkrankungen und Depressionen zu berücksichtigen.
Wie wird Schwindel behandelt?
Es gibt dabei verschiedene Ansätze, um dem Schwindelphänomen auf den Grund zu gehen. Die Beschwerden des Patienten werden dabei in Zusammenhang mit ungelösten zwischenmenschlichen Konflikten gebracht, die sich auf körperlicher Ebene manifestieren oder auf einen ungünstigen Umgang mit körperlichen Wahrnehmungen. Interessant in diesem Kontext ist das Alexithymie-Konzept, das davon ausgeht, dass Gefühle entweder nicht oder zu wenig wahrgenommen, beziehungsweise kommuniziert werden. Diese Problematik ist charakteristisch für viele Betroffene. Da es Patienten generell häufig schwerfällt, über ihre Gefühle zu sprechen, muss dieser Ansatz in der Therapie berücksichtigt werden.
Bei akuten, organisch bedingten Schwindelanfällen hat sich je nach Ursache die Gabe von Medikamenten bewährt. Körperübungen helfen dabei, besser mit den Schwindelattacken umzugehen und Funktionsstörungen zu kompensieren. Ist Ihnen schwindelig, weil eine psychische Erkrankung dahintersteckt, können ebenfalls begleitend Medikamente wie Antidepressiva eingesetzt werden.
Eine weitaus größere Rolle fällt jedoch der psychoedukativen Aufklärung und der Psychotherapie zu. Bei den meisten Patienten hat es bereits einen starken therapeutischen Effekt, wenn Sie sich endlich der Ursachen Ihrer Schwindelsymptome bewusst werden. Um den Teufelskreis der Selbstbeobachtung zu durchbrechen, ist eine multimodale Therapie anderen Verfahren aktuell deutlich überlegen. Gemäß dem Dizziness Handicap Inventory (DHI) verbessert sich der Schwindelmarker um 35,3 %, wenn eine Kombination aus Körper- und Entspannungstraining sowie Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie zum Einsatz kommen.
Bei der Therapie vor allem darauf an, die aktive Haltung des Patienten zu fördern. Die angemessene und entspannte Körperwahrnehmung kann durch Physiotherapie, Entspannungs- und Achtsamkeitsverfahren und Schulung der körperlichen Kompensationsmechanismen bei einem „sekundär gestörten“ Gleichgewichtssystem trainiert werden.
Wie funktioniert die Multimodale Schwindeltherapie?
Neben der gründlichen Aufklärung darüber, warum es dem Betroffenen ständig schwindelig ist, kommt es bei der Therapie vor allem darauf an, die aktive Haltung des Patienten zu fördern. Die angemessene und entspannte Körperwahrnehmung kann durch Physiotherapie, Entspannungs- und Achtsamkeitsverfahren und Schulung der körperlichen Kompensationsmechanismen bei einem „sekundär gestörten“ Gleichgewichtssystem trainiert werden. Grundsätzlich geht es in der Therapie darum, Ihre eigenen psychosozialen Ressourcen zu entdecken und zu nutzen. Das Wissen darum hilft Ihnen dabei, sich selbst zu motivieren und Ihr Verhalten zu ändern. Zum Einsatz kommen dabei Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie:
- Sie werden sich bewusst, welchen Einfluss Stress darauf hat, dass Ihnen schwindelig ist.
- Sie lernen, welche Situationen den Schwindel auslösen und aufrechterhalten
- Sie kommen negativen „Glaubensmustern“ auf die Spur, die mit dazu beitragen können, dass es Ihnen schwindelig wird - zum Beispiel den Anspruch, immer alles unter Kontrolle zu haben. In der kognitiven Umstrukturierung erlernen Sie, Gedankenmuster umzubewerten und Gegenannahmen zu bilden
- Sie lernen, sich gelassener, aber effektiv selbst zu beobachten. Das betrifft nicht nur die Körperwahrnehmung, sondern auch Gefühle, Gedanken und Verhalten
- Neue Erfahrungen auf der emotionalen Ebene werden gemacht
- Entspannungstechniken und deren gezielter Einsatz werden erlernt
- Es werden Angsthierarchien aufgebaut, indem Alltagssituationen gesammelt werden, die bei Ihnen das Gefühl "Mir ist schwindelig" auslösen und entsprechend der Stärke des Reizes skaliert
- Unter therapeutischer Anleitung erfolgt eine Exposition in der Realität. Es werden gezielt die Situationen gesucht, in denen Ihnen schwindelig wird
- In der Therapie lernen Sie ebenfalls, zu akzeptieren, dass es Ihnen immer noch schwindelig werden kann, ohne dass es schlimme Konsequenzen hat (Entkatastrophisierung) gleichzeitig erhalten Sie eine Rückfallprophylaxe
Furcht vor Schwindelattacken - was soll ich tun?
Die Sinnesreize oder Situationen, die eine Schwindelattacke auslösen, können sich schnell verselbständigen und sich auf weitere Lebensbereiche ausdehnen. Typisch für Angsterkrankungen entwickelt sich ein Teufelskreis mit einer vorherrschenden „Angst vor der Angst“: obwohl Angst eigentlich die Schwindelanfälle auslöst, beschreiben Betroffene häufig das Schwindelgefühl als Ursache der Panik. Es kommt nach und nach zu einem Vermeidungsverhalten von allen Situationen, die zu einem Schwindelgefühl führen könnten. Das Haus wird nicht mehr verlassen, soziale Kontakte eingeschränkt und bestimmte Orte und Aktivitäten werden von vorneherein vermieden.
Typisch ist die extrem ausgeprägte Angst vor Stürzen, woraus sich eine übersteigerte Wahrnehmung von Körperschwankungen und eine vermehrte Haltungskontrolle entwickelt. Dabei sollten Sie sich vor Augen halten, dass alle Menschen in ihren Bewegungen leicht schwanken. Wenn eine Angststörung vorliegt, werden jedoch peinlich genau alle Körperphänomene beobachtet und bewertet. Kommt es zur kleinsten Schwankung, wird es Patienten schwindelig. Diese Spirale der Selbstbeobachtung verstärkt das Schwindelgefühl. Besonders stark betroffenen scheinen Menschen zu sein, die sehr pflichtbewusst sind und peinlich genau darauf bedacht sind, alle Situationen im Griff zu haben (Perfektionismus). Ist es den Personen schwindelig, wirkt diese intensive Selbstwahrnehmung wie ein Verstärker.